In den letzten Jahren beobachten wir in den Bezirken Prenzlauer Berg und Pankow auffällig viele Eigenbedarfskündigungen aus bestimmten Berufsgruppen – unser Brief an ausgewählte Mediziner*innen und Heilpraktiker*innen in Bochum:

„Berlin, den 26.10.26

Betreff: Gesundheitliche Folgen von Eigenbedarfskündigungen und Verdrängung

Sehr geehrter Dr. x,

als Mieter*innengewerkschaft Berlin beobachten wir besorgt die zunehmende Anzahl von Eigenbedarfskündigungen in unserer Stadt. Immer häufiger erleben wir, dass die drohende oder tatsächliche Verdrängung aus der eigenen Wohnung erhebliche gesundheitliche Folgen für die Betroffenen hat. Die Angst vor dem Verlust des Zuhauses, die Trennung vom gewohnten sozialen Umfeld und die damit verbundenen finanziellen Belastungen setzen viele Menschen enorm unter Druck.

Wir schreiben Sie als ausgewählte Mediziner*innen und Heilpraktiker*innen an, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, welche sozialen und gesundheitlichen Folgen solche Verdrängungsprozesse haben. Medizinisches Fachpersonal ist für viele Menschen auch eine Vertrauensinstanz, mit der solch schwerwiegende Sorgen geteilt werden können.

Insbesondere vor dem Hintergrund eines sehr angespannten Wohnungsmarktes sind Kündigung und Räumungsklage extrem belastende Erfahrungen. Psychische Störungen wie Depressionen, Angstzustände oder PTBS können die Folge sein, aber auch psychosomatische Probleme wie Schlaf- und Essstörungen, die oft noch Jahre nach der Kündigung andauern.

Als Mieter*innengewerkschaft beraten und unterstützen wir Mieter*innen solidarisch. Dabei stellen wir immer wieder fest, dass Wohnungen gezielt mit dem Plan gekauft werden, sich der Mieter*innen zu entledigen. Nicht selten werden diese Wohnungen anschließend neu vermietet. Manchmal dienen sie den Eigentümer:innen auch nur als Wochenendwohnsitz, der zeitweise vermietet wird. Diese Entwicklung ist längst kein lokales Phänomen mehr, sondern betrifft heute zahlreiche Städte in Deutschland. Deshalb möchten wir darauf aufmerksam machen, dass es in den meisten Großstädten Initiativen und Bündnisse gibt, die Mieter*innen unterstützen und dass gerade ein kollektives Vorgehen für die Betroffenen von großer Bedeutung sein kann.

Auch in Bochum, sind Eigenbedarfskündigungen an der Tagesordnung. Bei unserer Arbeit in den Berliner Bezirken Prenzlauer Berg und Pankow ist uns in den letzten Jahren ein auffällig hoher Anteil an Eigenbedarfskündigungen durch Ärzt*innen und mitunter auch Heilpraktiker*innen bekannt geworden. Diese Beobachtung hat uns überrascht und dazu veranlasst, das Thema verstärkt in den entsprechenden gesellschaftlichen Kreisen anzusprechen. Es geht uns nicht darum, einen ganzen Berufsstand unter Verdacht zu stellen, sondern vielmehr auf die innergesellschaftliche Konfliktlinie in Bezug auf das Grundbedürfnis Wohnen aufmerksam zu machen.

Diese Entwicklung vertieft die soziale Ungleichheit und gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Besonders problematisch ist, dass Menschen mit großem Vermögen oder geerbtem Eigentum Menschen mit geringeren finanziellen Mitteln aus ihrem Wohnumfeld verdrängen können. Wir betrachten diese Form der Verdrängung als strukturelle Gewalt, deren Folgen für die Betroffenen oft unterschätzt werden.

Deshalb wenden wir uns heute an Sie.

Wir möchten Sie bitten, das Thema Eigenbedarfskündigungen und die damit verbundenen gesundheitlichen und sozialen Folgen bekannter zu machen. Zugleich appellieren wir an Sie, die ethische Verantwortung medizinischer Berufe nicht auf die unmittelbare berufliche Tätigkeit zu beschränken. Wir wünschen uns einen offenen Austausch über die Verantwortung, die mit der Verfügung über Mittel zur Erfüllung von Grundbedürfnissen einhergeht. Denn Wohnraum ist keine beliebige Ware, sondern eine grundlegende Voraussetzung für Gesundheit, Sicherheit und gesellschaftliche Teilhabe.

Mit freundlichen Grüßen, die Mieter*innengewerkschaft Berlin“